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Zweites Konzert 2005

14. Juni 2005, 20.00 Uhr
Lionel Rogg, Genf

Programm:
Promenade von Georg Friedrich Händel in London (Ciacona)
Tiento de tiples im Stil von Correa de Arauxo

Suite française nach einer gregorianischen Melodie
       Plain chant en Taille  -  Duo sur les Tierces  -  Récit en Taille  -  
       Basse de Trompette  -  Flûtes  -  Dialogue sur les Grands Jeux

Improvisationen über vier lutherische Choräle:
       „Wachet auf, ruft uns die Stimme"
       „Freu dich sehr, o meine Seele"
       „Ach, was soll ich Sünder machen"
       „Jesus Christus, unser Heiland"

Improvisation über einige Verse aus der Apokalypse
Freie Improvisation über Themen aus dem Publikum

Lionel  Rogg  wurde 1936 in Genf geboren. Sein Studium absolvierte er am Genfer Konservatorium: Orgelunterricht bei Pierre Segond, Klavierunterricht bei Nikita Magaloff. 1961 erfolgte die Aufführung des ganzen Orgelwerkes von Johann Sebastian Bach in zehn Konzerten in der Victoria Hall, Genf. Seit 1962 Orgelkonzerte u. a. in Europa, Amerika, Australien, Süd-Afrika, Hong Kong und Japan. Er war Professor für Orgel und Improvisation am Genfer Konservatorium von 1960 bis 2002 sowie „Visiting professor" an der Royal Academy of Music, London. Meisterkurse gab er an Musikhochschulen und Universitäten in Deutschland, Österreich, USA und Japan; Improvisationsunterricht in Mailand. Lionel Rogg erhielt den Doktor honoris causa der Genfer Universität sowie Fellow of Royal College of Organist, London.

Lionel Rogg über Improvisation:
"Zu allen Zeiten haben die Organisten die Improvisationskunst gepflegt. Diese Tradition hat viel mit dem Umstand zu tun, dass die Anforderungen der Liturgie von den Organisten verlangen, die von ihnen zu spielenden Stücke dem Ablauf des Gottesdienstes mit Geschmeidigkeit anzupassen. Diese Kunst realisiert sich in sehr unterschiedlicher Weise und mehr oder weniger anspruchsvoll. Von der kleinen Introduktion zu einer Choralmelodie bis zur Improvisation einer ganzen Symphonie gibt es Raum für alle Stufen von Kapazität, von dem bescheidenen Amateur bis hin zum größten Genie!  -  Unabhängig vom Niveau,  obwohl vom natürlichen Ansatz her „spontan",  wird die improvisierte Musik unter den Händen des Spielers niemals wie ein Wunder vom Himmel fallen.
In jeder Stilrichtung setzt das Improvisieren die Kenntnis und Beherrschung eines gewissen Vokabulars voraus. Man kann musikalische Improvisation mit der Fähigkeit vergleichen, sich in einer Sprache auszudrücken, sei es in einer gewöhnlichen Konversation oder in einem Vortrag von hohem Niveau. Auch wenn Musik lediglich eine der den Menschen zur Verfügung stehenden Ausdrucksweisen ist, verlangt sie vom Ausführenden eine tiefe Kenntnis ihrer inneren Struktur („Grammatik") und Bestandteile (Rhythmik, Melodik und vor allem Harmonik), um ein „persönliches Kapital" zu entwickeln und sich dadurch mit Kohärenz mitteilen zu können.
In den Improvisationskursen wird meist der Schwerpunkt auf den Erwerb dieses Vokabulars (im weitesten Sinne) gelegt und werden hierzu verschiedene Exerzitien angeboten. Es scheint mir evident, dass dies nur als erster Schritt gelten kann. Das Erlernen des vollständigen Wörterbuchs macht noch keinen Schriftsteller. Die Rolle der Inspiration, der Fantasie, der Vitalität usw. ist nicht zu unterschätzen: Aus ihnen heraus erwachsen immer die schönsten Improvisationen. Wenn Improvisation mit den geschriebenen Meisterwerken auch nie an Perfektion rivalisieren kann und will, hat sie doch den Vorteil, einen mehr spontanen Ausdruck zu erlauben und - wenn die Götter es genehmigen - gebiert sie einige „éclairs de génie", wie sie kein komponiertes Stück anbieten könnte.
Es gibt verschiedene Improvisationsarten. Man kann z. B. danach streben, Regeln und Anforderungen eines historischen Stils zu verfolgen. Das gilt besonders für Formen, die im Stil einer bestimmten Zeit improvisiert werden (z. B. im Stil der alten klassischen französischen Orgelmusik oder die Impro-visationen über Choralmelodien der deutschen Barock-Tradition). Dann gibt es auch so genannte moderne französische Texturen, die sich allmählich als eigene Stilrichtung entwickelt haben. Deren Vokabular erlaubt es, Fragmente gegebener Improvisationsthemen relativ leicht hinzu zu fügen.
Man kann sich auch -  und dies hat eigentlich die größte emotionale und künstlerische Ausprägung - von einem poetischen Text oder einer tiefen Emotion mit der Hoffnung  inspirieren lassen,  dass die Improvisation dadurch positiv beeinflusst wird und zur blühenden Entfaltung gelangt. Ich persönlich denke, dass zu viele Improvisationen den Eindruck vermitteln, alles Mögliche in einem einzigen Stück ausdrücken zu wollen. Die „gute Musik" braucht nur ein oder zwei substanzielle Aspekte des Ausdrucks um wirkungs- und wertvoll zu erscheinen - schön zu sein.- Schön ist aber auch das Gefühl eines riskanten Abenteuers..."